Ethische Herausforderungen von Negativemissionstechnologien

Carmela Cavegn und Samuel Eberenz, Stiftung Risiko-Dialog

Welche ethischen Herausforderungen gilt es beim Ausbau von Negativemissionstechnologien (NET) zu berücksichtigen? Was können Entscheidungsträger:innen tun? Im Rahmen eines halbtägigen Workshops zu ethischen Fragen rund um NET in der Schweiz vom 9. Juni 2022 hat sich die Swiss Carbon Removal Platform diesen Fragen mit rund 20 Teilnehmer:innen aus Forschung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung gestellt – und mindestens genauso viele verschiedene Antworten erhalten. Gemeinsam machten wir uns auf die Suche nach Handlungsempfehlungen für die Integration ethischer Überlegungen in die NET-Umsetzung der Schweiz.

Die Ethik ist eine Methode zur kritischen Reflexion unserer alltäglichen moralischen Normen und Werten. Sie liefert demnach nicht direkt Antworten, sondern bietet Denkhilfen, um ethische Aspekte in Entscheidungen einfliessen zu lassen. Auf welchen normativen Prinzipien und Werten solche ethischen Bewertungen gestützt werden sollten, ist dabei eine Fachdiskussion für sich, in die Prof. Ivo Wallimann-Helmer den Teilnehmer:innen des Workshops einen kurzen Einblick gewährte.

In der Praxis stehen Entscheidungsträger:innen häufig unter Zeitdruck und sind gezwungen, trotz Unsicherheiten Entscheidungen zu treffen, bei denen auch andere Aspekte berücksichtigt werden müssen, etwa finanzielle Ressourcen, rechtliche Bedingungen und politische Machbarkeit. Wie lassen sich ethische Überlegungen in die Entscheidungsfindung rund um die Erforschung, den Aufbau und die Regulierung von NET sowie die Investition in NET integrieren? Um Antworten auf diese Frage näher zu kommen, ist es hilfreich, die vielfältigen ethischen Herausforderungen, welche mit dem Einsatz von NET einhergehen, zu ordnen.

Drei Kategorien für ethische Überlegungen

Hanna Schübel identifiziert im Rahmen ihrer Doktorarbeit drei Themenfelder, welche eine solche Einordnung von ethischen Überlegungen erlaubt, die im Zusammenhang mit NET derzeit diskutiert werden:       

  • moralischer Druck (engl. „moral pressure“),      
  • moralisches Risiko (engl. „moral hazard“) und
  • Gerechtigkeitsimplikationen der Umsetzung.

Am Workshop wurden gemeinsam ethische Themen rund um NET gesammelt und diesen Feldern zugeordnet (Abb. 1). Im Folgenden werden die Themenfelder kurz skizziert und exemplarisch mit einzelnen Aspekten illustriert, welche am Workshop zu Sprache kamen.

Abbildung 1: Am Workshop wurden ethische Herausforderungen gesammelt und den ethischen Themenfeldern und deren Schnittstellen zugeordnet (Konzept: Hanna Schübel, [1]).

Moralischer Druck

Der Handlungsdruck in der Klimapolitik nimmt durch den fortschreitenden Klimawandel und dessen Folgen – sowie die fehlenden Resultate bestehender Klimaschutzmassnahmen ständig zu. Die Erkenntnis, dass das Entfernen von Treibhausgasen aus der Atmosphäre unabdingbar ist, um „Netto Null“ menschengemachter Treibhausgasemissionen erreichen zu können, führt zu einer Ausweitung dieses Handlungsdruck auf NET. Angesichts der negativen Auswirkungen des Klimawandel ist ’nicht Handeln‘ keine moralisch neutrale Alternative. Der Diskurs um den Einsatz von NET zur Eindämmung des menschengemachten Klimawandels ist jedoch nicht zuletzt deshalb moralisch aufgeladen, weil die verschiedenen NET Ansätze mit vielen Unsicherheit bezüglich Umsetzbarkeit, sowie Nachhaltigkeit und negativen Nebeneffekten eines Einsatzes im grossen Massstab einhergehen [2].

Inwieweit diese akzeptiert werden um NET einzusetzen ist – neben technischer, wirtschaftlicher, und politischer Machbarkeit – eine ethische Frage.

Moral Hazard

Die Rolle, welche für NET angesichts hoher Kosten und bestehender Unsicherheiten in den meisten Netto-Null Strategien zugeschrieben wird, ist das Ausgleichen von Restemissionen.

Genau hier tritt jedoch das moralische Risiko (engl. „moral hazard“) zutage: Die Gefahr, dass durch das Versprechen eines zukünftigen Einsatzes von NET in grossem Umfang die Verminderung von Emissionen an Priorität verliert. Der „moral hazard“ kann sich beispielsweise in einer bewussten Verzögerungstaktik von Emittenten äussern, welche lieber den umfangreichen Einsatz von NET in ihre Klimastrategien schreiben, anstatt ernsthaft an der Reduktion ihrer Emissionen zu arbeiten (eine Form von „Greenwashing“). Angesichts der nach wie vor grossen Unsicherheiten von NET birgt dies die Gefahr eines Scheiterns des Klimaschutzes, für den Fall, dass NET dieses Versprechen nicht einlösen können. Der „moral hazard“ kristallisiert sich an der Frage, welche Emissionen als „schwer vermeidbare“ Restemissionen gelten. Das Versprechen, eigene Emissionen durch den Kauf von negativen Emissionen neutralisieren zu können, wurde von Teilnehmer*innen des Workshops mit dem Ablasshandel verglichen.

Gerechtigkeitsimplikationen

Beim Auf- und Ausbau von NET und deren Regulierung kommen auch Gerechtigkeitsfragen auf. Diese können in Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und prozeduralen Gerechtigkeit unterteilt werden. Der grossflächige Einsatz von NET geht mit einem hohen Bedarf Energie, Land oder Biomasse einher und könnte Ressourcenkonflikte mittelfristig verstärken, mit Folgen für Lebensgrundlagen und Biodiversität. Das ist eine klassische Frage der Verteilungsgerechtigkeit.

Eine ungleiche Verteilung, welche von den Betroffenen gutgeheissen wird und auf fairen Entscheidungsprozessen beruht, kann durchaus als ethisch legitim gewertet werden. „Welche Entscheidungen werden wie von wem getroffen?“ ist eine Frage der prozeduralen Gerechtigkeit, bei der Macht, Partizipation, demokratische Teilhabe, und Transparenz wichtige Schlagwörter sind. Hier kam auch zur Sprache, dass die Schweizer Perspektive die Seite der direkt oder verstärkt durch Klimawandel und NET betroffenen Menschen weltweit kaum angemessen abdecken kann ohne diese in den Prozess zu integrieren. Hierzu wurde am Workshop zu bedenken gegeben, dass die Schweiz, und auch die Teilnehmer*innen am Workshop, aus einer sehr privilegierten Perspektive über die Themen NET und Klimawandel sprechen.

Wie gross die Dringlichkeit und folglich der moralische Druck zu handeln für einzelne Länder und Unternehmen tatsächlich ist, misst sich auch an der Grössenordnung der CO2-Emissionen, welche es zu reduzieren und auszugleichen gilt. Dafür muss zunächst geklärt werden, für welche CO2-Emissionen die Schweiz verantwortlich ist. Zählt man die im Ausland verursachten Emissionen durch den Import von Konsumgütern und die Flugemissionen dazu? Was ist mit historischen Emissionen? Wer bestimmt diese Verantwortlichkeiten? Auch dies sind Beispiele von Gerechtigkeitsfragen bezüglich „Netto-Null“ und dem Einsatz von NET.

Unscharfe Trennlinien

Das Modell von Hanna Schübel hilft, ethische Herausforderungen einzuordnen und eine Übersicht zu erhalten. Dabei geht es nicht um trennscharfe Kategorien, denn viele ethische Herausforderungen entstehen an den Schnittstellen zwischen moralischem Druck, moralischem Risiko und Gerechtigkeitsimplikationen. Ein Beispiel sind Fragen der intergenerationellen Gerechtigkeit, welche in alle drei Kategorien fallen: Intergenerationelle Gerechtigkeit erhöht den Druck auf die Klimapolitik und Massnahmen des Klimaschutz. Gleichzeitig geht es um das moralische Risiko (engl. „moral hazard“) der Verlagerung des Problems in die Zukunft, wenn auf ungewisse zukünftige NET-Potentiale gepokert wird. Schliesslich werfen Forderungen nach intergenerationeller Gerechtigkeit Fragen für die Verteilung von Risiken und negativen Auswirkungen auf, welche auch mit Blick auf das Vorsorgeprinzip diskutiert werden können [3].

Ähnlich kann die Frage nach dem Ressourcenverbrauch von NET neben ihrer Gerechtigkeitsaspekte auch mit Blick auf den „moral hazard“ relevant werden, nämlich dann, wenn es darum geht, ob knappe Ressourcen wie Energie oder Biomasse NET oder anderen Klimaschutzmassnahmen zugutekommen, etwa der Elektrifizierung oder Biofuels. Dabei ist zu bedenken, dass auch solche andere Klimaschutzmassnahmen mit Nebeneffekten und moralischen Implikationen einhergehen.

Die Unterteilung ethischer Überlegungen in die drei Kategorien dient demnach eher als Denkhilfe als für die Schaffung klarer Trennlinien zwischen den Aspekten – ebenso die Unterscheidung zwischen NET und anderer Klimaschutztechnologien.

Ist NET nun ein unabdingbares Mittel für die Erreichung eines gemeinnützigen Ziels (den Klimaschutz) wodurch Unsicherheiten in Kauf genommen werden müssen? Diese Frage betrifft letztlich alle drei hier diskutierten Kategorien und sollte nicht mit dem verengten Blick auf nur eine (z.B. moralischer Druck) diskutiert werden.

Dabei lohnt sich die Frage nach dem „Final Goal“, einer langfristigen, gesamtgesellschaftlichen Vision. Entscheidungsträger*innen sollten trotz des moralischen Drucks ihr Handeln reflektieren und in gesamtgesellschaftliche Überlegungen einbetten – und so auf eine faktenbasierte und faire Rolle von NET im Klimaschutz hinarbeiten.

Wo steht die Schweizer Klimapolitik bei ethischen Fragen?

Inwieweit werden die ethischen Herausforderungen von NET im Schweizer Kontext erkennbar? Zu dieser Frage gewährte Juanita von Rothkirch, Doktorandin am TdLab der ETH Zürich, den Teilnehmenden Einblicke in ihre aktuelle Forschungsarbeit. Die Überzeugung, dass Emissionsminderungsmassnahmen Vorrang vor NETs haben sollten, wird von den Schweizer Stakeholdern weitgehend geteilt. Der Bundesrat hat folgerichtig anerkannt, dass es notwendig ist, die Ziele für Emissionsreduktionen und NET zu trennen. Der Bundesrat plant die

Verwendung von NETs auf Restemissionen aus den Sektoren Landwirtschaft, Abfallwirtschaft und Industrie zu beschränken. Im Zusammenhang mit der Debatte um die Gletscherinitiative wird die Regierung voraussichtlich die rechtlichen Grundlagen für separate langfristige Klimaziele (Reduktions- und Negativ-Emissionsziele) prüfen. Diese Bemühungen um eine strikte Trennung zwischen negativen Emissionen und Emissionsreduktionen sind Schritte, um eine Verwässerung der Reduktionsbemühungen zu vermeiden. Zugleich werden CO2-Senken derzeit auch aus Abgaben vom Mineralölimport finanziert – ist das ein „moral hazard“ oder eine verursachergerechte Anschubfinanzierung für den Ausbau von NET?

Grenzüberschreitendes CO2

Eine weitere Frage, die mit der Verteilungsgerechtigkeit zusammenhängt, ist, wo NET implementiert werden sollen: Während die Regierung betont hat, dass die inländischen Möglichkeiten für CO2-Speicherung ausgeschöpft werden sollten, sind Potential und Machbarkeit noch mit vielen Unsicherheiten behaftet. Die Regierung hat erklärt, dass etwa zwei Drittel der Emissionen voraussichtlich im Ausland gespeichert werden müssen. Wenn die Lasten von NET-Projekten nicht von denjenigen getragen werden können, die von den Vorteilen profitieren, gewinnt die Verfahrensgerechtigkeit an Bedeutung, um sicherzustellen, dass die lokalen Akteure ausreichende Möglichkeiten haben, sich an den Entscheidungs- und Überwachungsprozessen zu beteiligen.

Abbildung 2: Was tun für den moralisch legitimen Ausbau von NET in der Schweiz?

Rege Diskussion aus verschiedenen Perspektiven

In unseren Diskussionen der ethischen Herausforderungen von NET war der Umgang mit den unsicheren Risiken zentral. Aus Perspektive wirtschaftlicher Akteure dominiert das Zusammenspiel zwischen dem Druck auf nationaler und internationaler Ebene, aktiv zu werden, und der Unsicherheit bezüglich Technologiestand und Investitionssicherheit. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es deshalb wichtig, dass bei einer Umsetzung von NET in der Schweiz trotz der Unsicherheiten – oder gerade wegen diesen – die Sicherheit für Investitionen gewährleistet wird. Zudem sind Standards und Zertifikate nötig, damit eine Qualitätssicherung trotz grosser Unsicherheiten überhaupt möglich sei. Hier steht der moralische Druck als Treiber im Fokus.

Die Behördensicht bestätigt: klare Rahmenbedingungen sind wichtig. Ausserdem wurde angefügt, dass es notwendig sei, die Verantwortlichkeiten für ethische Belange breit abzustützen. Hierbei wurde die mögliche Rolle von Ethikkommissionen diskutiert.

„Es gibt kein reines CO2-Problem“, betonten zivilgesellschaftliche Stimmen am Workshop Klimaschutz-Diskurse sollten vielmehr immer auch einen gesamtsystemischen Blick einnehmen. Um die Auswirkungen der Unsicherheiten bezüglich der Risiken abzufedern, ist aus Sicht der Forschung der Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft zentral; dies nicht zuletzt, um gesamtgesellschaftlich für die moralische Notwendigkeit von NET zu sensibilisieren.

Die Diskussion zeigte auch eine allgemeine Problematik: ethische Überlegungen haben häufig keinen Platz in der Realpolitik und im Industriealltag. Nicht zuletzt deshalb ist es grundlegen, moralische Überlegungen bereits in der Forschung zu berücksichtigen. So könnten etwa bereits bei der Formulierung von Forschungsvorhaben ethische Überlegungen themenübergreifend in Projekte integriert werden, statt sich ausschliesslich auf spezifische Ethikprojekte zu verlassen. Dabei können die drei hier diskutierten Themenfelder herangezogen werden, um sichtbar zu machen, welche ethischen Herausforderungen in einem Projekt berücksichtigt werden und welche nicht: beispielsweise Ökobilanzen zur Klärung von Nachhaltigkeitsfragen, systemische Betrachtungen zur Verminderung des moralischen Risikos oder Stakeholder-Engagements für mehr Verfahrensgerechtigkeit.

Erfolgreicher Start in die ethische Auseinandersetzung

Für eine den nachhaltigen, fairen und sozial tragbaren Ausbau von NET in der Schweiz ist das zur Verfügung stehende Wissen zentral. Es braucht dementsprechend zugängliche Informationen und klare Rahmenbedingungen für Interessierte und Betroffene. Dort, wo diese Vorgaben noch fehlen, sollten die verfügbaren Informationen die Integration von ethischen Überlegungen in die Entscheidungsprozesse ermöglichen und erleichtern.

„Solche Workshops enden meist mit einem ziemlich unbefriedigenden Gefühl, aber das ist in Ordnung“, schliesst Samuel Eberenz die Veranstaltung. Die Auseinandersetzung mit komplexen Themen wirft meistens mehr Fragen auf, als dass sie zu beantworten scheint. Da die Ethik vielmehr Prozesse und Zusammenhänge statt einzelner Fakten erörtert, unterstreicht dieses Fazit durchaus den Erfolg des Workshops – als Startpunkt der Auseinandersetzung und Diskussion über ethische Herausforderungen von NET.

Der Workshop zu ethischen Herausforderungen von NET der Swiss Carbon Removal Platform fand am 9. Juni 2022 mit rund 20 Teilnehmer:innen aus Forschung, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung statt – mit Unterstützung durch die Stadt Zürich.

Der Workshop wurde vorbereitet, durchgeführt und begleitet von: Hanna Schübel & Prof. Dr. Ivo Wallimann-Helmer (UniFR_ESH Institut, Universität Fribourg), Juanita von Rothkirch (TdLab, ETH Zürich) und Dr. Samuel Eberenz, Matthias Holenstein und Carmela Cavegn (Stiftung Risiko-Dialog).


[1] Schübel, Hanna ‚A Conceptual Map for Discussing CDR‘ (in Arbeit).

[2] IPCC (2018): Global Warming of 1.5°C: Summary for Policy Makers. In IPCC Special Report on the impacts of global warming of 1.5°C above pre-industrial levels and related global greenhouse gas emission pathways, in the context of strengthening the global response to the threat of climate change, sustainable development, and efforts to eradicate poverty. Edited by Masson-Delmotte, V., P. Zhai, H.-O. Pörtner, D. Roberts, J. Skea, P.R. Shukla, A. Pirani, W. Moufouma-Okia, C. Péan, R. Pidcock, S. Connors, J.B.R. Matthews, Y. Chen, X. Zhou, M.I. Gomis, E. Lonnoy, T. Maycock, M. Tignor, and T. Waterfield. World Meteorological Organization. Geneva, Switzerland.

[3] https://www.umweltbundesamt.de/vorsorgeprinzip


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