Roadmap NET & CCS
Die CCS- und NET-Roadmap des Bundes

Carmela Cavegn und Samuel Eberenz, Stiftung Risiko-Dialog

Die Bundesämter für Umwelt und Energie haben gemeinsam eine Roadmap für den Ausbau von CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) und Negativemissionstechnologien (NET) verfasst, um den Pfad für die Schweiz hin zu Netto-Null Treibausgasemissionen bis 2050 zu konkretisieren. Die Roadmap wurde am 18. Mai 2022 vom Bundesrat gutgeheissen. Hier fassen wir die wichtigsten Aussagen aus Sicht der Swiss Carbon Removal Platform zusammen.

In der Roadmap werden sowohl CCS sowie NET behandelt. CCS sind dabei technische Verfahren zur Emissionsreduktion durch die Abscheidung von CO2 aus Abgasen, etwa aus der Nutzung fossiler Brennstoffe oder der Zementproduktion. Der Einsatz von NET, also Methoden zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre (engl. Carbon Dioxide Removal (CDR) methods), zusätzlich unvermeidbarer Emissionen neutralisieren.

Bis die NET- und CCS-Infrastruktur im In- und Ausland CO2 in der Grössenordnung von Millionen Tonnen abscheiden, transportieren und sicher speichern können, muss noch einiges geschehen – und zwar bereits in den nächsten Jahren. Dafür definiert die Roadmap zwei Phasen: eine erste Pionierphase bis 2030 gefolgt von einer Skalierungsphase. Zudem verweist die Roadmap auf die strategischen Grundsätze der langfristigen Klimastrategie und aktuelle wie geplante konkrete Massnahmen in den Bereichen NET und CCS.

7 Mio. Tonnen CO2 bis 2050

Der Grossteil der Schweizer Treibhausgasemissionen muss durch Verhaltensänderung, Innovation und Substitution vermieden werden. Bis 2050 sollen gemäss in die langfristige Klimastrategie des Bundes von Januar 2021 zudem 5 Mio. Tonnen CO2 aus Anlagen mit CCS vermieden werden. Das Volumen der verbleibenden schwer vermeidbaren Emissionen aus Industrie, Abfallverwertung und Landwirtschaft wird gemäss der Schweizer Reduktionsziele 2050 rund 7 Mio. Tonnen CO2eq jährlich betragen. Die gilt es, mit NET auszugleichen, bzw. zu neutralisieren.

Bildquelle: Bundesrat, 2021 und Bundesrat, 2022.

Pionier- und Skalierungsphase

Mit der Pionierphase wird bis 2030 die dauerhafte Speicherung von rund 500‘000 Tonnen CO2 im In- und/oder Ausland angestrebt. In dieser Phase können Ansätze erprobt, Anreize gesetzt und die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Für die inländische CO2-Speicherung von an Anlagen abgeschiedenem CO2 kommen gemäss der Roadmap hauptsächlich Baustoffe wie Beton infrage, weil geologische Speicherstätten frühestens in 15-20 Jahren betriebsbereit sein werden. Die Erkundung des Untergrunds steht allerdings noch aus – ein nationales Programm dazu ist in Arbeit.

Von 2031 bis 2050 wird die inländische CO2-Abscheidung gezielt von 500‘000 Tonnen auf rund 7 Mio. Tonnen CO2 jährlich skaliert, was die Roadmap als Skalierungsphase zusammenfasst. Die Roadmap definiert dazu Richtwerte von rund 5 Mio. Tonnen CO2 aus fossilen oder prozessbedingten Quellen (CCS) und 2 Mio. Tonnen CO2 aus negativen Emissionen wie Biomasse (BEECS). Die inländische geologische CO2-Speicherung soll sich im Jahr 2050 auf 3 Mio. Tonnen CO2 belaufen.

Der theoretische Richtwert des Speichervolumens im Schweizer Abbruchbeton durch direkte Karbonatisierung beträgt im Jahr 2050 bis zu 2,5 Mio. Tonnen CO2 jährlich, wobei das praktisch umsetzbare Volumen wesentlich kleiner geschätzt wird.

Für CDR-Methoden, welche nicht auf neue CO2-Infrastrukturen angewiesen sind, definiert die Roadmap explizit keine Richtwerte. Jedoch soll ein Massnahmenmix aus fünf Elementen auch deren Ausbau voranbringen: die Schärfung der Rechtsgrundlagen, nationale und internationale Kooperation, Innovationsförderung sowie die Vorbildfunktion der öffentlichen Hand.

5 Mio. Tonnen negative Emissionen im Ausland

Aufgrund der limitierten CDR-Kapazität im Schweizer Inland sollen 5 Mio. Tonnen CO2 negative Emissionen primär über DACCS an geeigneten Standorten im Ausland gedeckt werden. Pflanzenbasierte Ansätze seien eher weniger geeignet; als Gründe werden Dauerhaftigkeit der Speicherung und mögliche Zielkonflikten genannt.

Auch CO2 aus inländischer Punktquellenabscheidung (CCS und BECCS) soll teilweise im Ausland gespeichert werden. Für den Transport des hohen CO2-Volumens wird ein CO2-Pipelinenetzwerk nötig sein; die internationale Diskussion dazu steht allerdings noch sehr am Anfang.

Finanzierung bis Ende 2024 zu prüfen

Es sind nicht primär technologische Hürden, die einen Ausbau von CCS und CDR-Methoden heute behindern, sondern eher fehlende Investitionssicherheit für die Akteure. Die Rahmenbedingungen sollten daher in erster Linie Sicherheit im Investitionsumfeld erhöhen, damit Chancen rund um CDR für das Klima sowie die Schweizer Forschung und Wirtschaft auch optimal genutzt werden können.

In einer Frühphase und bis zum Aufbau eines funktionierenden und ausgereiften Marktes ist die Notwendigkeit von staatlichen Eingriffen zu prüfen, um ein funktionierendes Geschäftsmodell zu etablieren, welches der Privatwirtschaft erlaubt, in diesem komplett neuen Tätigkeitsfeld eine tragende Rolle einzunehmen.

Der CCS- und CDR-Ausbau soll möglichst verursachergerecht finanziert werden. Bis Ende 2024 wird der Bundesrat konkrete Vorschläge prüfen und dabei auch die Rollen von Bund, Kantonen und Privatwirtschaft klären.

Konkretisierung vieler Massnahmen steht aus

Die Roadmap benennt wichtige Themen wie gesellschaftliche Akzeptanz und Gerechtigkeit und betont auch deren Relevanz bei der Skalierung von CCS und CDR-Methoden. Eine Konkretisierung wie dies in Praxis aussehen soll, steht jedoch noch aus. Der auf den Seiten 12ff aufgelistete Massnahmen-Katalog bietet jedoch einen eindrücklichen Überblick über geplante Massnahmen und Spezifizierungen durch die öffentliche Hand.

Ausgehend von den Zielgrössen sowohl der Roadmap wie auch der Klimastrategie, ist die Festschreibung von getrennten Zielgrössen für die Anrechnung von Emissions-Reduktion und CO2-Entnahme (CDR) durch NET in der Gesetzgebung wichtig, um sicherzustellen, dass beide in der erforderlichen Grössenordnung und unabhängig voneinander voranschreiten. So können Verwirrung und Fehlanreize vermieden werden. Laut Roadmap prüft das Bundesamt für Umwelt die rechtlichen Grundlagen für solche getrennte langfristige Klimaziele im Rahmen der Debatte zur Gletscher-Initiative.

Zudem bedarf es einer Konkretisierung der Massnahmen für eine akzeptanzbasierte Umsetzung zur Erreichung der in der Roadmap festgelegten Ziele. Auch braucht es weitere Anstrengungen sowie Kooperation, um die Rolle und Regulation landbasierter biologischer CDR-Ansätze (z.B. Pflanzenkohle, Boden- und Waldmanagement, Holznutzung, etc.) im freiwilligen und verpflichtenden Markt unter Einbezug aller relevanter Stakeholder zu klären und deren Umsetzung entsprechend voranzutreiben. Fehlt hier die notwenige Konsequenz und Transparenz, ist der in der langfristigen Klimastrategie formulierte Portfolio-Ansatz in Gefahr, wonach die Schweiz beim Aufbau von NET grundsätzlich technologieoffen bleiben und verschiedene vielversprechende Ansätze parallel verfolgen soll.


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